Wolfgang Flür – Ich war ein Roboter oder „Fleisch(eslust) ist kein Gemüse“

Bei eBay tauchen momentan einige verlagsneue Exemplare von „Ich war ein Roboter“ des Kraftwerkschlagzeugers Wolfgang Flür auf. Es ist die neue Version von vgs. Nachdem die Version im Hannibal-Verlag ja per Gerichtsbeschluß der Kraftwerk-Gründer geändert werden mußte in einigen wenigen Passagen, kam die neue Auflage bei vgs heraus. Erweitert und mit einer Maxi-CD des Flür-Projekts Yamo. Wolfgang Flür beschreibt im Tagebuchstil vor allem die Zeit von seinem Einstieg bei Kraftwerk im Jahr 1973 als Schlagzeuger bis zum seinem Ausstieg/Rauswurf 1986. In dieser erweiterten Ausgabe schreibt er auch über die Post-Kraftwerkzeit und sein neues Projekt.

Das Buch ist sehr autobiografisch und sehr offen, teilweise schon intim. Wolfgang Flür fühlte sich von seinem Vater nicht verstanden und geliebt. Im Düsseldorf des Nachkriegsdeutschlands entdeckt er die englische und amerikanische Rockmusik für sich und gründet einige Amateurbands, die regional durchaus erfolgreich gwesen sind. Er beginnt eine Lehre und ein Architekturstudium.

Ralf Hütter und Florian Schneider, die sich im Bereich der experimentellen Musik tummeln, suchen für den legendären Auftritt in der Sendung „aspekte“ im ZDF einen Schlagzeuger und finden Wolfgang Flür. Sie passen von der Lebensart eigentlich nicht zusammen, finden aber wohl am gemeinsamen Musizieren ihre Freude. Wolfgang Flür entwickelt aus einer Rhythmus-Box das erste elektronische Schlagwerk und die drei bestreiten ihren Auftritt im Fernsehen.

Wolfgang bleibt bei der seltsamen Gruppe, die so ganz andere Musik entwickeln als er gewohnt war. Er kann sich mit seiner minimalistischen Trommelweise in das Konzept Kraftwerk einbringen. Mit Autobahn, Radioaktivität und Trans-Europa-Express kommt der Erfolg und ausschweifende Tourneen durch die ganze Welt. Flür beschreibt die Reisen mit all den Pannen und Schwierigkeiten der Musiker. Amerika, Indien, Japan werden ausführlich bespielt. Die Kulturen sind dort überall verschieden, doch Kraftwerk verstehen sie alle. Karl Bartos kommt als zweiter Trommler hinzu. Innerhalb von Kraftwerk gibt es nun die „Arbeitgeber“ Ralf und Florian und die „Arbeitnehmer“ Wolfgang und Karl. Die beiden Trommler sind nicht an den Tantiemen oder Rechten beteiligt, sondern verdienen ein festes Gehalt, das die beiden Gründer festlegen.

Kraftwerk wird zur Mensch-Maschine. Mit dem gleichnamigen Album und dem Nachfolger Computerwelt kommt der Durchbruch. Roboter werden hergestellt und agieren auf der Bühne und das Konzept Kraftwerk setzt sich durch. Tagelang wird an einzelnen Tonfolgen gebastelt und das Ergebnis kann sich sehen lasssen. Kraftwerk beeinflusst die Musikbranche, geben sich aber immer germanisch kühl und nennen sich Musik-Arbeiter. Das Image wird gepflegt. Es gibt wenig Interviews (Und wenn dann nur mit Rals und Florian), man lebt gesund und fleischarm. Kraftwerk will anders sein als die herkömmlichen Rockbands.

Mit Electric Cafe beginnt laut Flür dann der Niedergang von Kraftwerk. Eigentlich ist es Stagnation. Es kommt nicht neues mehr. Ralf und Florian entdecken den Radrennsport, es gibt nur noch das Warten auf die beiden. Schließlich mit bzw. schon vor dem Album The Mix verlassen Wolfgang Flür und Karl Bartos das Projekt. Kraftwerk findet neue Mitstreiter, aber neues Material kommt nicht mehr wirklich heraus. Nach 12 Jahren erscheint 2003 dann noch Tour de France.

Wolfgang Flür beschreibt eine Art Haß-Liebe zwischen ihm und Kraftwerk. Anfangs genießt er das Leben als Kraftwerker, vor allem das Reisen. Groupies überraschen ihn mit Sex unter der Dusche und in Italien will ihm ein Schauspieler an die Wäsche. Er beschreibt heisse Liebesnächte im Tourbus. Er schreibt sich alles von der Seele. Dabei ist er manchmal begeistert, manchmal weinerlich und meint, die Welt wäre gegen ihn. Die Probleme mit seinem Vater findet er wieder in der Gruppe: Ralf und Florian sehen in ihm nur einen Angestellten und kein gleichberechtigtes Gruppenmitglied. Nachdem er Kraftwerk anfangs genossen hat, gerät er in eine Abhängigkeit und kann sich ein Leben ohne das Projekt nicht vorstellen. Er ist dann schließlich aber froh, das es zu Ende geht. Denn seine Kreativität kann er bei Kraftwerk nicht unter Beweis stellen. Er kritisiert, dass es keine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern gibt. David Bowie oder auch OMD wollten gemeinsam mit Kraftwerk arbeiten. Dies wurde immer von Ralf und Florian abgeblockt. Seine Kreativität und damit sich selbst findet er in seinem neuen Projekt und das vorliegende Buch ist eine Abrechnung mit seiner Zeit bei Kraftwerk. Unverständlcih erscheint, dass die Kraftwerk-Gründer gegen Passagen und Bilder gerichtlich vorgegangen sind, denn Ralf und Florian werden nicht vehement angegriffen. Eher wird vielleicht die Armseligkeit des Kraftwerk-Daseins geschildert.

Manchmal stellt Wolfgang Flür Kraftwerk einfach als zu einflußreich auf die Musik-Szene dar. Er übertreibt und ist stolz, ein Teil davon gewesen zu sein.

Einige Passagen sind sehr intim und er beschreibt offen seine latente Bi-Sexualität, wobei er den Frauen immer ein wenig mehr den Vorzug gibt. Voller Stolz beschreibt er seine Liebesabenteuer, wobei der Leser die Details vielleicht doch nicht wissen möchte. Wolfgang Flür möchte begehrenswert sein und beliebt.

Mit diesem Buch scheint Wolfgang Flür sein Ziel einer internen Klärung seiner Kraftwerk-Zeit erreicht zu haben. Er wirkt gegen Ende des Buches richtig euphorisch und genießt sein Dasein.

Kraftwerk hat bestimmt die Musik der 70er Jahre entscheidend geprägt, aber die „Elektro-Götter“, ohne die die Geschichte neu geschrieben werden müßte, sind sie nie gewesen. Dafür waren die Kraftwerker zu verschlossen und haben sich irgendwann überlebt.

Jahrelang ist kein neues Material von Kraftwerk gekommen. War dies die Angst vor der eigenen Courage? War man sich bewußt, dass nach großartigen, ja einzigartigen Alben nichts Besseres mehr kommen kann?

Jungs, dieses Problem hat jede Band und jeder Musiker. Jedes Album ist ein neuer Anfang und wird gemessen an den vorangegangenen. Viele Musiker sind daran bereits zerbrochen.

Wolfgang Flür beschreibt in seiner eigenen, manchmal sehr einfachen Weise sein Leben vor, mit und nach Kraftwerk. Es ist zum Teil ein sehr persönliches Buch, aber es macht Spass, es zu lesen. Die letzten 50-75 Seiten sind ein wenig – nun ja – vielleicht überflüssig, da sie nichts Neues bringen. Das Buch ist eine leichte Lektüre. Wer tiefergehende Informationen über Kraftwerk haben möchte, muß noch weitere Bücher lesen. Alles in allem: Ein empfehlenswertes Buch. Nicht nur für Kraftwerk-Fans.

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5 Kommentare

  1. Wolfgang Flür

    die Review von Ralf über mein Buch ist vollkommen okay und sagtb alles, allerdings bin ich nie von Ralf und Florian „gefeuert“ worden, dies möchte ich klar stellen! Ich jabe mir ja nichts zu Schulden kommenlassen, für das man in der freien wirtschaft „gefeuert“ wird. Ich bin aus eigener, wenn auch schwerer Entscheidung, nicht mehr ins damalige Kling Klang gegangen. Wie Karl zwei Jahre später. Es gab dort einfach keine Zukunft mehr für einen Musiker. Eine pragmatische Entscheidung (siehe in meinem Buch, wie es Karl hinterher erging).
    Jetzt ist auch Florian weggegangen. Endlich. Er wollte noch nie so richtig gerne unterwegs sein mit unserem Basisanalogprodukt ROBO-POP. Wenn Ralf so weiter macht, jetzt im Alter, nimmt ihn wohl keiner mehr ernst. Es sei denn, er würde beweisen, dass er nochmal paar wirklich neue Töne zur Verfügung stellte. Am Besten rationalisiert er sich selbst auch weg, macht den weg für jüngere frei, stellt für sich aich einen Roboter ein, dann hätte er sein Lebensziel („jeder ist ersetzbar“) erreicht. Kraftwerk als Lifegruppe wäre dann ein echtes deutsches Robo-Produkt.
    Es grüßt Euch ein froh gelaunter Wolfgang Flür, der immer noch gerne elektro-trommelt: http://www.myspace.com/yamomusic

  2. Ralf (Beitrag Autor)

    Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich hatte den Grund des Weggangs bewusst offen gehalten, denn das Verfolgen einer musikalischen Linie, mit der sich die Hälfte der Musiker nicht verbunden fühlen, ist eine Art Mobbing. Ich habe den Eindruck, dass du es rechtzeitig geschafft hast, den Absprung zu schaffen, bevor es zu spät gewesen ist. Das finde ich, war eine mutige aber richtige Entscheidung!

  3. christian

    finde diesen review etwas untertrieben was den Einfluss von Kraftwerk anbelangt

    man muss nur mal ein paar zeitgenössische Musiker und deren werke anschauen da ist in jedem Künstler KRAFTWERK

    JAY Z— benutzte für sunshine ein Kraftwerk Sample

    coldplay

    black eyed peas

    depeche mode

    selbst eine madonna

  4. Richard Schulz

    Als alter- und immer noch- Kraftwerkfan habe ich das Buch „Ich war ein Roboter“ von Herrn Flür geradezu verschlungen und bin dem Autor wahnsinnig dankbar dafür, daß er es erstens geschrieben hat und zweiten dafür, was und wie er es geschrieben hat. Die Zeit bei Kraftwerk, die Vergangenheitsbewältigung, die dazu gehört und die neuen Ziele bzw. Kontake haben meine Sichtweise total bereichert. Leider habe ich das Buch und auch seine Yamo-Musik erst sehr spät entdeckt. Die Time Pie – Musik ist fantastisch. Leider habe ich bisher die im Buch angekündigte zweite Scheibe „Eloquence“ bisher noch nirgends finden können.
    Kann mir da vielleicht jemand weiterhelfen?
    Sehr gerne bekäme ich von Herrn Flür auch direkt einen Hinweis.
    Ich hoffe sehr, daß es ihm gut geht und daß er sein Projekt Yamo weiterhin durchzieht.
    Beste Grüße, Richard Schulz

  5. Richard Schulz

    Weiss jemand die Email-Adresse von Wolfgang Flür?
    Würde gerne als Bewunderer seiner beiden Bücher und seiner Yamo-Musik direkten Kontakt zu ihm aufnehmen können.Vielen Dank,
    Grüße,
    Richard Schulz

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