Mediziner im Weltall – 2. Kapitel

Kapitel 2: Erste Begegnung

Er sah stark ramponiert aus, aber war offensichtlich noch funktionsfähig. Alle starrten auf das verrostete Raumschiff. Als erster ergriff der Commander wieder das Wort: „Fish, haben wir den Gleiter auf irgendwelche schädlichen Strahlungen getestet.“ Ein junger, etwas dicklicher Mann – offensichtlich Fish – antwortete: „Haben wir! Es geht keine Strahlung von ihm aus. Wir können also die Elektronenblase entfernen.“ Der Commander gab ein Zeichen und die Blase verschwand. Mit Schutzanzügen näherten sich jetzt drei Männer der Bergungseinheit dem Raumschiff und bearbeiteten mit einem Laser die Tür. Nach fünf Minuten, die allen Anwesenden im Hangar wie Stunden vorkamen, ging plötzlich die Tür quietschend auseinander. Es ruckelte und dann blieb ein Spalt. Er war groß genug, damit ein Mensch durchpassen konnte. Alle starrten auf den Spalt, aber nichts geschah.

Commander Weser fand als erster seine Sprache wieder: „Na, die scheinen aber ganz schön schüchtern zu sein. Die brauchen eine Extra-Einladung.“ „Commander, wenn die Besatzung noch lebt, dann sind sie in Stickstoff eingebettet und dann muss jemand mechanisch von außen die Boxen öffnen.“ „Woher wissen Sie das denn, Dr. Frey?“ Der Commander schaute erstaunt seine zweite Bordärztin an. „Ich habe das mal in einem Essay über Konservierungsmöglichkeiten lebender Materie gelesen.“ „So, so. Dann bleibt uns nichts anderes übrig: Freiwillige vor!“

Es wurde still im Hangar. Der Commander grinste: „Nicht alle gleichzeitig, da kann ich mich ja gar nicht entscheiden, wen ich mitnehmen soll.“ „Sie wollen da rein gehen? Das halt ich für keine gute Idee.“ ließ sich Dr. Franc über Lautsprecher von der Brücke vernehmen. „Ich werde mir das auf keinen Fall entgehen lassen. Wenn mir da drin was passiert, übernimmt Soto das Kommando,“ er schaute zu Soto, der sofort nickte, „Soto, und in diesem Fall müssen Sie sofort die Elektronenblase wieder aktivieren und den Raumgleiter ins Weltall zurückkicken. Haben Sie verstanden?“ „Jawohl Commander.“ Der erste Offizier Hal Soto unterstrich dies mit einem schneidigen Zusammenschlagen der Hacken.

Arbeitsicherheitsingenieur Fish trat nach vorne: „Ich gehe mit. Kann Sie doch nicht allein den Gefahren aussetzen.“ Weser nickte zustimmend. Dr. Frey meldete sich: „Ein Arzt sollte auch dabei sein, außerdem weiß ich wie die Stickstoffbehälter geöffnet werden müssen.“ Sofort traten ein paar Männer der Verteidigungseinheit, kurz VE genannt, vor. Commander Weser grinste und Dr. Frey wurde rot. „Einer reicht. Cherry, Sie gehen mit.“ Ein ziemlich großer Mann mit einer auffällig krummen Nase löste sich aus der Gruppe.

Nachdem sie ihre Schutzanzüge angelegt hatten, schlüpfte der Commander als erster durch den engen Spalt. Einer nach dem anderen folgte ihm, bis die Vierergruppe im Wrack verschwunden war.

Es war totenstill im Raumgleiter. Weser schob sich, die Laserwaffe im Anschlag, durch einen kleinen Vorraum und stand dann bereits im Cockpit. Die Geräte waren alle verrostet und mit einer weißpulvrigen Schicht überzogen. „Was ist das?“, fragte er Fish, der hinter ihm ging. Der Ingenieur schaute auf seinen Analysator. „Harmlos. Weltallstaub. Werde eine Probe nehmen.“ Hinter dem Cockpit war eine Tür. Nach einigen Mühen ließ sie sich öffnen. Sie traten ein. Offensichtlich der Schlafraum der Crew. Vier große Behälter aus Metall mit einer durchsichtigen Frontscheibe standen an den Längsseiten des Raumes. Der Commander ging zum ersten und schaute durch die Plexischeibe. Er sah einen Mann, schätzungsweise 45 Jahre alt. Er hatte eine lilaschwarze Uniform an und schien ganz entspannt zu schlafen, aber das war nicht das erstaunlichste. Dr. Frey kam hinzu, schaute durch die Scheibe und rief überrascht aus: „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass das Dr. Franc ist,“ die junge Ärztin Dr. Frey schaute den Commander an und erwartete offensichtlich eine Erklärung. Dieser schaute immer noch verblüfft mit halb geöffnetem Mund auf den Körper: „Ja, in der Tat, eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich nicht verleugnen…“

Inzwischen waren der Sicherheitsingenieur Fish und der Verteidigungsguard Cherry zum zweiten Behälter gegangen. Letzterer rief: „Hey, Boss, kommen Sie mal schnell hier her!“ Nichts Gutes ahnend, rannten der Commander und Dr. Frey zu dem Mann der Verteidigungseinheit: „Der sieht aus wie Bill. Sie wissen schon, der, der jetzt kürzlich bei den Wartungsarbeiten an den Segeln in Ohnmacht gefallen war und von uns geborgen werden musste.“ „Ja, stimmt, ich habe ihn erst vorgestern nochmal untersucht, ob irgendwelche Spätschäden aufgetreten sind“, erinnerte sich die Bordärztin. Commander Weser schaute in den Behälter und sah einen ungefähr 25-Jährigen, stämmig wirkenden Mann mit Halbglatze.

„Sie haben Recht! Und was hat er da in seiner linken Hand?“, er zeigte auf eine rechteckige Schachtel. „Warten Sie, da steht etwas drauf.“ Dr. Frey beugte sich vor: „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit!“, sie schaute die anderen verständnislos an: „Was ist denn Rauchen?“ und blickte in die ratlosen Gesichter des Commanders und Cherry.

Doch schon meldete sich Fish, der sich zum dritten Behälter durch ein Gewirr von Kabeln gearbeitet hat. „Ach du heiliges Kanonenrohr! Das wird ja immer schöner.“ Die anderen liefen gleich zu Fish und blickten in den Kasten. Cherry erstarrte. In dem Kasten lag sozusagen ein Abbild von Cherry: groß, muskulös und diese markante Nase. Kein Zweifel – der Mann sah aus wie Cherry. „Ich wusste gar nicht, dass du noch Familie hast“, flachste Fish, um den völlig verwirrten Cherry aus seinem Schock zu holen. Der VE-Mann schaute ihn entgeistert an. Dr. Frey berührte Cherry ganz vorsichtig am Oberarm: „Alles in Ordnung?“ Cherry zuckte zusammen und nach ein paar Sekunden antwortete er: „Ja, ja, alles klar“, dann wandte er sich dem Commander zu und fragte: „Boss, was hat das alles zu bedeuten?“ „Im Moment weiß ich das auch nicht, aber wir werden es sicherlich rausfinden. Ich bin jetzt nur noch gespannt, was uns in dem letzten Kasten erwartet. Ich hoffe ehrlich, dass ich nicht mir ins Auge blicken muss.“

Alle vier schauten mit einem mulmigen Gefühl auf den letzten der vier Behälter, der etwas abseits in der Ecke stand. „Hilft ja nichts, wir müssen hin und nachschauen.“ Commander Weser ging auf den Kasten zu. Die anderen folgten. Als er hineinschaute, atmete er hörbar aus. „Das bin ich offensichtlich nicht!“ In dem Behälter lag eine junge Frau. „Das ist mal eine interessante Haarfarbe. Hab ich ja noch nie gesehen. Ist das gelb?“, Fish versuchte die sehr angespannte Stimmung seit dem Fund des Doppelgängers von Cherry etwas zu lockern. „Nein, das nannte man früher „blond“. Es gab aber damals bereits nur noch ganz wenige Exemplare im nördlichen Teil der Erdkugel. Blonde starben aus, weil sie von der Klimaerwärmung körperlich stärker betroffen waren. Ich habe auch gehört, dass damals viele blonde Frauen, die beruflich erfolgreich sein wollten, ihre Haare gefärbt haben, weil sie sonst keine Chance auf Karriere gehabt hätten. Es gab da wohl so eine Kultur, die nannte sich Blondinenwitze.“ „Alles wieder aus dem Spacenet, stimmt’s?“, beeindruckt schaute sie der Commander an. „Ja, da gab es mal so eine Serie „Frauen im Wandel der Zeit – ihr gesellschaftspolitischer Kampf um Anerkennung“.

„Nun, die Haarfarbe ist gewöhnungsbedürftig, aber ansonsten finde ich sie ziemlich hübsch“, ließ sich Fish vernehmen. „Das tut jetzt erst einmal nichts zur Sache. Was tun wir denn jetzt?“ Commander Weser wartete auf Vorschläge. „Ich würde sagen, wir lassen die Kisten erst einmal zu und bringen sie verschlossen in den zentralen Aufwachraum. Dort können wir die Sicherheitsschleusen schließen und die Behälter öffnen, ohne das gesamte Schiff zu gefährden.“ „Gut!“ stimmte Weser zu und griff zum Funkgerät: „Dr. Franc, wir kommen jetzt raus und bringen vier eventuell infektiöse Behälter mit. Bereiten Sie den Aufwachraum vor und ergreifen Sie alle Vorsichtsmaßnahmen, um eine mögliche Kontamination zu vermeiden.“


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