Niegeschichte: Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine. Dietmar Dath.

Niegeschichte: Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine. Dietmar Dath.  Verlag Matthes & Seitz Berlin, Oktober 2019. 942 Seiten. ISBN-13: 978-3957577856

Mit „Niegeschichte“ versucht Dietmar Dath eine Einführung in das Genre der Science-Fiction. Hier sind die meisten seiner Werke angesiedelt und hier fühlt er sich wohl. Schon der Untertitel des Werks: Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine beschreibt seinen Ansatz und seine Sichtweise. Auf über 900 Seiten nimmt er uns mit in das Universum der SF, aber dies auf seine eigene Art und Weise.

Seine Romane sind nicht für alle Leser, selbst Anhängern der SF immer einfach zugänglich und polarisieren regelmäßig. Auch Niegeschichte ist sicher nicht anspruchslos, weiß aber durch eine klare Sprache zu gefallen.

Zu Beginn der Abhandlung führt uns Dath in das Thema und seine Herangehensweise ein. Schön seit frühester Kindheit war er begeistert vom Phantastischen. Früh erkennt er: „Die Science Fiction erzählt Geschichten von Vorkommnissen, die nie geschehen sind und nie geschehen werden.“  und erklärt damit den Titel des Buches. Er entdeckte die SF mit den Fernsehfolgen von „Raumschiff Enterprise“ (Heute unvorstellbar in Schwarz-Weiß!) Und er entdeckte damit das Mögliche. Und das Mögliche der Zukunft wandelte sich für ihn vom Angstgegner zur Verlockung. Über einen Freund seiner Mutter entdeckte er früh den Kosmos von PERRY RHODAN und eines der Romane aus dieser Serie faszinierte ihn: Sturz in die Ewigkeit von Walter Ernsting. Hier wird die Geschichte von Ernst Ellert, dem Teletemporarier erzählt. Ellert vermag als reines Bewusstsein durch Raum und Zeit zu reisen und in Körper von Lebewesen zu schlüpfen.

Damit entdeckte Dietmar Dath für sich den Sense of Wonder und seine Sozialisation der Science-Fiction.

Im folgenden Kapitel definiert er, was Niegeschichte ist und was sie nicht ist. Beginnend mit der Theorie von Todorov, über Wittgenstein, Sapir und Whorf und am praktischen Beispiel des Romans Dieser Volkszähler von China Miéville beschreibt er den Gegenstand seiner Abhandlung. Er möchte die durchschnittliche Erfahrung des Publikums und die Erzählidee in einem Textes betrachten.

Dath setzt sich nicht die bisweilen engen Grenzen der Literaturwissenschaft, die populäre Texte per se ausschließt und nicht betrachtet, sondern geht offener an das Thema heran, was er ja schon mit der Behandlung von Raumschiff Enterprise und PERRY RHODAN bewiesen hat.

Er erklärt an dieser Stelle auch den Untertitel des Buches: „Man kann Science Fiction erstens als Kunst genießen, und man kann mit ihr Dinge und Verhältnisse denken, die ohne sie ungedacht bleiben müssten.“

SF beschränkt sich für Dath auch nicht auf die textliche Form, sondern beinhaltet auch „Filme, Fernsehserien, Theaterstücke, Gedichte, Malerei, Skulptur, Computerspiele, Kostüme, Spielzeug, Musik, Mode, Schmuck, Design und sonstige Erzeugnisse in anderen Äußerungsformen der Fantasie.“

Was ist für den Autor denn nun Science-Fiction? Hier macht es sich Dath nicht leicht.  Es sind für ihn nicht unbedingt die Motive, wie zum Beispiel „Roboter“. Denn Autoren wie Lem, Asimov oder Adams nutzen Roboter sehr verschieden in ihren Texten. Und bei Star Wars und Star Trek sind sie zwar auch zu finden, aber ist Star Wars deshalb Science-Fiction. Oder sind Zeitreisegeschichten automatisch immer SF? Handelt SF immer von Technik? In „Starship Trooper“ von Heinlein wie auch in „Der ewige Krieg“ von Haldeman kommen Raumschiffe vor. Die Romane sind aber grundverschieden in ihren Aussagen. Dath wagt hier von einer Todfeindschaft zu sprechen.

Dath geht hier einen klugen Weg und beschreibt seinen Zugang zum Genre. Durch SF wurde er immer wieder überrascht. Er hat Werke gelesen, die zwei Seiten hatten:

  1. Das habe ich noch nie (ein)gesehen und
  2. So habe ich das noch nie (ein)gesehen.

Wichtig ist also das mind changing, das die SF ausmacht. Wobei die Veränderung bei jedem Zuschauer oder Leser verschieden ausfallen kann. Dies beschreibt Dath anhand des Films Primer von Shane Carruth. Fünf unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlicher Sozialisation und Profession fanden den Film gut, aber jeder für sich auf eine andere Weise.

Dath benutzt den Begriff der Fantastik, die er in Fantasy, übernatürlicher Horror und SF aufgliedert. Er sieht dabei die „Grenzverletzungen“ und dadurch entstehende Subgenres, wobei auch Genregrenzen verschwinden können. Werke, die exakt einem Genre zugeordnet werden können, werden selten. Die Kreativen bedienen sich aus vielen Töpfen, so wie es ihre Werke gerade benötigen.

Zeitlich setzt Dath mit der New Wave eine Grenze, also Werke vor dem Erscheinen der New Wave mit ihrem wissenschaftlichen Inhalt und dem Sprachstil und die New Wave, die neuen Denkweisen und eine literarische Selbstreflexion aufwies.

Wissenschaft und Technologie entwickelten sich weiter und veränderten sich die Gesellschaft. Maschinen unterstützten den Menschen bei seiner Arbeit. Durch die Dampfmaschine hätte der Mensch weniger arbeiten können, aber es wird nicht weniger, sondern anders gearbeitet.

Dietmar Dath beendet seine Einführung mit den Worten: „Maschinen (…) verstärken, verlängern und ersetzen menschliches Denk- und Tatvermögen. Niegeschichte will wissen: Was für eine Maschine ist die SF? Wer hat sie gebaut? Wem gehört sie? Wer benutzt sie, wogegen, wofür?“

Nach den einleitenden gut Hundert Seiten stürzt sich Dath auf die Quellen. Er stellt Autoren und ihre Werke vor und analysiert sie nach Inhalt und Sprachduktus. Er stellt uns Verne, Wells und Laßwitz als Beispiele für die Proto-SF vor. Die moderne SF beginnt für Dath mit Gernsback, E.E. Doc Smith, Williamson und Hamilton. Die Rezepte dieser Autoren sind auch heute noch bei PERRY RHODAN, Star Wars und Star Trek zu finden. In den Sechziger- und Siebzigerjahren wurde das Genre dann durch Autoren wie Aldiss erschüttert. Die Ära Gernsback ging zu Ende und John W. Campbell bestimmte lange Zeit, wie SF auszusehen hatte. Die SF verlies ihre Nische und entwickelte sich zur Massenkultur. Das Fandom entstand. Über Heinlein, Asimov und Clarke gelangen wir schließlich zur New Wave, die ja für Dath ein besonderer Meilenstein in der Entwicklung der SF gewesen ist. Ein langes Kapitel beschreibt die Werke von Moorcock, Ellison, Ballard, Disch, Dick und Delany. Die Autoren lösen sich von den klassischen Schemata. Ideen und Sprache verändern sich.

Ein ganzes Kapitel widmet sich Joanna Russ. In ihr sieht Dath eine Autorin, die mit dem Roman Picnic on Paradise bereits 1968 ästhetisch nahezu perfekte SF geschrieben hat. Sie wollte den „Moment des Umbruchs nutzen, formale Möglichkeiten der Gattung zu nutzen, (…) und sie hat diese Stoffe und Themen damit immerhin im Genre etabliert.“

Doch die New Wave musste nach Dath dem Pop weichen. Mit Star Wars: A New Hope kam eine neue (visuelle) Ästhetik in das Genre, das viele unvorbereitet traf. Die Handlung war banal und hätte in einem anderen Genre nicht zum Erfolg geführt. (Hier lohnt sich die kurze Zusammenfassung auf Seite 557f zu lesen. Einfach köstlich!).

Dath nähert sich der Gegenwart mit den Werken von Greg Egan, Ted Chiang und Cixin Liu, wobei ihn letzterer wohl besonders fasziniert, da er aus einem anderen Kulturkreis stammt und in einer dem Deutschen nicht verwandten Sprache denkt und schreibt.

Nach dieser historischen Beschreibung und Nacherzählung der SF folgen zwei abschließende Kapitel über die SF-Poetik und der SF-Ästhetik. Hier macht sich Dath unter anderem Gedanken zur Historie in der SF und zum Subgenre der Alternativ-Geschichte. Die SF erzählt Geschichten, die nicht wahr sind, aber die wir nun kennen, weil sie geschrieben worden sind.

SF erfindet und gestaltet Analogien und steht damit bewusst im Kontrast bisweilen im Gegensatz zu anderen Genres.

Die Quintessenz ist: „Sie (die SF) hebt den Unglauben ans Unwirkliche auf, um den Glauben ans Wirkliche von der Seite anzuschauen. Wo das Wirkliche nicht wahr ist, kann die Kunst das zeigen. Ihr Spiel heißt Erkenntnis; der Gewinn ist der Kosmos. Sie hat alle Zeit für ihn.“

Obwohl Dath selbst im Text zugibt, dass natürlich Werke oder Autoren fehlen, die er nicht betrachtet hat, so sind alleine die Nennungen und Nacherzählungen der SF-Werke ein Buch wert. Ob die Auswahl gelungen ist, bleibt jedem Leser selbst überlassen. Er setzt sich dabei wenig Grenzen. Star Trek, Star Wars, PERRY RHODAN, Comics, Mangas werden ebenso erwähnt wie die wirklich brillanten Werke eines Ted Chiangs, der vielleicht ein eigenes Genre ist. Dath ist belesen und hat viel SF gelesen. Sein literarisches Hintergrundwissen ist enorm. Bei allen Betrachtungen geht es um die Sache, nicht um die Ideologie. Hier bleibt er wissenschaftlich orientiert.

Sprachlich schwingt das Werk zwischen elaboriert, verständlich und bisweilen fast flapsig, was aber das Lesen interessant macht.

Wie sollte das Buch gelesen werden? Die ersten Hundert Seiten sollte man sich schon sequenziell antun, um das Buch zu verstehen. Die einzelnen Epochen und Autoren können einzeln für sich gelesen und verstanden werden. Anmerkungen, Literaturhinweise und ein Personen- und Sachregister helfen dem Leser beim Nachschlagen. Die abschließenden Kapitel sind dann wieder besser im Stück zu verstehen.

Niegeschichte ist sicher nicht jedermanns Geschmack und jemand, der nur sporadisch etwas SF liest, könnte sich ob der Informationsvielfalt erschlagen fühlen. Jeder, der sich jedoch gezielt über SF informieren und einzelne Werke oder Autoren eingeordnet haben möchte, sollte zu diesem Buch greifen.

Die Zeit wird zeigen, ob Niegeschichte das Potential hat, ein neues Standardwerk zu werden.

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