Unternehmer von Matthias Nawrat. Rowohlt 2014.

unternehmerDie dreizehnjährige Lipa, ihr einarmiger Bruder und ihr Vater bilden ein Unternehmen in der Nähe der Schwarzwaldstadt Stauffen. Zeitlich ist die Novelle wohl in einer nicht näher definierten Zukunft zu verorten. Die ehemals blühende Wirtschaft ist quasi nicht mehr existent und das Familienunternehmen schlägt sich mehr schlecht als recht mit dem Gewinnen von Rohstoffen aus den Überresten der Industrie durchs Leben. Kabel und Spulen werden für ein geringes Geld an einen Schrotthändler verkauft. Die Zeiten sind schwer und die Konkurrenz belebt nicht eben das Geschäft, sondern schmälert die Erträge. Der Vater hat früher angestellt und sah keine andere Möglichkeit als die „Selbständigkeit“, um seine Familie zu ernähren. Die Kinder, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben, haben seine neue erzwungene Sichtweise von viel Arbeit bei geringer Freizeit schnell angenommen. Obwohl es ihnen nicht gut geht, sehen sie gesellschaftlich über den Arbeitslosen stehen. Auch Schüler werden abfällig als solche bezeichnet. Der kleine Bruder Berti ist dabei noch völlig unreflektiert. Doch Lipa kommt in die Pubertät und beginnt neue Interessen zu entwickeln. Damit kommen erste Zweifel am Tun des Vaters. Doch als dieser erkrankt, versteht sie immer noch nicht, dass er untätig ist. Der ehemals so starke „Unternehmer“ verliert sich dennoch in seiner Krankheit. Die Mutter, eine ehemals attraktive und begehrenswerte Frau, muss schließlich Dinge aus dem Haushalt verkaufen, um die Familie zu ernähren. Alles hat sich geändert. Auch Lipa muss sich anpassen und zur Schule gehen, wo sie mit ihrer bisherigen Lebens- und Denkweise zunächst Probleme hat. Matthias Nawrat beschreibt die Geschichte aus der Sicht des ungebildeten Mädchens Lipa. Auf diese Sprache muss sich der Leser zunächst einlassen, denn man könnte anfangs denken, dass dies ein Kinder- oder Jugendbuch sei. Dies trifft aber nicht zu. In der kurzen Form entwickelt er die Figur stetig weiter. Das Mädchen wird zur Frau, ist aber im strengen Rahmen der Familie gefangen. Die alleswissende Vaterfigur, ein ehemaliger Arbeiter, versucht als Selbständiger der Familie ein angenehmes Leben zu bieten. Doch schon der Schrotthändler, der seine Metalle kauft, nimmt ihn nicht für voll. Er ist ihm nicht ebenbürtig und bekommt die Preise vorgegeben. Eine freie Marktwirtschaft mit Angebot und Nachfrage sieht anders aus. Gegen den Banker, der ihm einen Kredit gewähren soll, hat er keine Chance. Lipa muss ihm sogar als seine „Assistentin“ die Zahlen vorbereiten. Dies ist für Lipa nicht ungewöhnlich, denn sie fühlt sich in diesem Gefüge der Familie sprich des Unternehmens wohl, denn sie hat eine Aufgabe. Als der Vater nur noch ein weinendes Häufchen Elend ist und die Mutter mit seiner Pflege komplett ausgelastet ist, verläßt sie die Schule und ist fest entschlossen, das Familienunternehmen weiterzuführen. Matthias Nawrat gelingt es, den Leser schnell in den Bann der einfachen Erzählung zu ziehen. Doch gerade in der Einfachheit von Sprache und Handlung ist der Reiz des Buches zu finden. Auf nur wenig mehr als einhundert Seiten erfahren wir etwas über die vor allem körperliche Entwicklung eines Mädchens zu Frau. Mental bleibt sie jedoch weiterhin in dem gefangen, was der Vater ihr versucht hat vorzuleben. Ihre nur ansatzweise vorhandene Reflektion über das Leben, das eigene Leben und die Zukunft ist erschreckend. Der Leser erfährt aber eine Menge über die Landschaft, in der die Menschen leben und was sie antreibt, dort zu leben. Die Novelle ist lesenswert, da sie in ihrer ihr eigenen Art nachdenklich über das Geschriebene macht und lange Zeit nachhallen wird.

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1 Kommentar

  1. Sabrina

    So kann die Wahrheit aussehen. Das Schicksal schlägt oft von heute auf morgen zu.
    Die Buchvorstellung macht mich neugierig, da schau ich demnächst im Buchladen vorbei.

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