Neue Mitte von Jochen Schimmang im Nautilus Verlag

Quelle: Verlagsseite

Wie befinden uns im Deutschland des Winters 2029/2030. Ulrich Anders kommt nach Berlin, um Kai Sander beim Aufbau einer Bibliothek zu unterstützen. Ort der Handlung ist das ehemalige Regierungsgelände. Dort haben sich Menschen zusammengefunden, um zu leben und zu arbeiten. Innovative Firmen sind gegründet worden. Das ganze Gelände ist ein abgeschlossenes, in sich fast autarkes nach außen abgeschiedenes Areal mitten in der Hauptstadt.

Eine Junta hat nach einem Militärputsch im Jahr 2016 ein Regime mit Namen „Nationale Moderne“ etabliert. Neun Jahre lang wurde Deutschland auf den Kurs einer Diktatur gebracht. Zensur und Gängelung waren dort an der Tagesordnung. Die Meinungsfreiheit ist drastisch unterdrückt worden. Eine kleine Clique von Mächtigen hatte Deutschland unter Kontrolle. Doch es regte sich der Widerstand und mit Hilfe der Internationalen Befriedungstruppe konnte die Junta gestürzt werden. Seit vier Jahren steht Deutschland unter englischem Mandat, einer Art moderater Besatzung mit großer Selbstbestimmung.

Deutschland erholt sich langsam vom Regime und auf dem Gelände, das einmal das Zentrum der Macht gewesen ist, finden sich Anarchisten, Freiheitskämpfer, Querdenker und innovative Macher ein. Sie leben in den Gebäuden der ehemaligen Machthaber und betreiben Restaurants, gehen einem Handwerk nach und erstellen Software. Im Zentrum steht das Haus, in dem Sander die Bibliothek aufbauen möchte als Zeichen der neuen Zeit. Es sollen die Bücher, die während des Terrorregimes verboten waren, einen adäquaten Platz bekommen. Sammlungen werden gekauft oder dem Projekt geschenkt. Es gilt, diese literarischen Schätze zu katalogisieren und einzusortieren. Eine gewaltige Aufgabe, die der schon etwas ältere Sander nicht alleine stemmen kann. So erhofft er sich von Ulrich Anders Hilfe.

Dieser lernt schon kurz nach seiner Ankunft Eleanor Rigby kennen, eine Mitgesellschafterin der Softwareschmiede Alice im Wunderland. Sie schreibt ihm ein Programm, mit dem das Katalogisieren der Buchbestände deutlich schneller geht. Eine sperrige Romanze entsteht.

Ulrich Anders lebt sich langsam ein und trifft auf unterschiedlichste Charaktere. Einen Geigenbauer, einen Restaurantbesitzer, Anarchisten, die sich um Lebensmittel und Logistik kümmern.
Ein Professor Oliver Kolberg bietet der Bibliothek seine Bücher an, er möchte nämlich das Land verlassen. Mit dieser Bücherspende tut sich Sander aber ein wenig schwer, denn Professor Kolberg war schon vor der Machtergreifung der Junta Staatsrechtler und Verfassungsjurist und rechtfertigte während des Terrorregimes das Vorgehen der Machthaber. Er hatte zwar kein offizielles Amt inne, er blieb Lehrer an der Humboldt-Universität, gab aber durch seine in der Argumentation brillanten Schriften dem Regime ein juristisches Fundament der Rechtsstaatlichkeit.

Doch man wird mit den Büchern schließlich handelseinig.

Kurze Zeit später wird Prof. Kolberg tot aufgefunden. Todesursache war ein aufgesetzter Genickschuss. Dabei fällt Ulrich Anders ein, dass er die deutlich jüngere Frau Kolbergs scheinbar bei der Übergabe von Geld in einer Diskothek gesehen hat.

Frodo, ein Mitglied der anarchistischen Gruppe, kommt als weiterer Helfer für die Bibliotheksarbeit hinzu. In seiner Freizeit hält er sich häufig außerhalb des Geländes auf und geht „in die Stadt“. Dabei sieht er den „General“, jenen Mann, der den Putsch zu verantworten hat. Keiner glaubt ihm.

Doch nach einer Weile bewegen sich immer wieder Soldaten der in den Uniformen der ehemaligen Junta auf dem Gelände. Der Höhepunkt wird erreicht, als sie die feierliche Eröffnung der Bibliothek sabotieren wollen.
Jochen Schimmang schildert mit sichtlicher Freude an der Formulierung in schön gesetzter Sprache eine potentielle Zukunft, die stimmig ist, wenn man als Basis den Putsch, nicht ganz ein Jahrzehnt des Regimes und vier Jahre zaghafte Freiheit nach dem Sturz akzeptiert. Der Stil ist überaus prägnant, die Erzählweise aus Sicht des Ich-Erzählers Ulrich Anders sehr stringent, präzise und an keiner Stelle ausschweifend.
In der Enklave innerhalb Berlins errichtet er eine neue Gesellschaft, eine neue Art des Zusammenlebens. Ob dies eine realistische Entwicklung ist oder auch eine wünschenswerte, bleibt dem Leser überlassen. Schimmang erzählt nie mit erhobenem Zeigefinger oder oberlehrerhaft. Eine Entscheidung, wie zum Beispiel das Verhalten von Professor Kolberg zu bewerten ist, muss jeder selbst treffen.

Das Ganze wird garniert mit ein wenig unglücklicher Liebe zwischen Ulrich Anders und Eleanor Rigby. Ulrich liest Eleanor ein Buch des Autors Gregor Korff. Dies ist eine Figur aus Schimmangs eigenem Werk „Das Beste, was wir hatten“. Überhaupt gibt es viele Andeutungen auf Literatur und historische Geschehnisse. Das Aufbauen einer Bibliothek im Roman bietet hier einen gelungenen Rahmen. Die Auswahl der beschriebenen Bücher beim Einordnen ist dabei nicht willkürlich, sondern wohl durchdacht.

Im Roman finden sich außerdem fiktive Zitate von Protokollen und Interviews, von Handelsregistereinträgen und Artikeln. Mit diesen wird die ebenfalls ja fiktive Historie der letzten Jahre untermauert und die Handlungsweise der Charaktere verdeutlicht.

Der Roman ist gut und kurzweilig erzählt, hat spannende Elemente, eine Prise Erotik, ist nicht vorhersehbar und damit wirklich ein Lesegenuss, wobei dem Leser immer höchste Aufmerksamkeit abverlangt wird, die aber sicher gerne gegeben wird. Ein Stück gute zeitgenössische Literatur.

Jochen Schimmang wurde 1948 geboren und studierte Politische Wissenschaften und Philosophie an der FU Berlin und lehrte an Universitäten und in der Erwachsenenbildung. Von 1978 bis 1998 lebte er in Köln, seit 1993 als freier Schriftsteller und Übersetzer. Jochen Schimmang ist heute in Oldenburg ansässig.

2010 erhielt Jochen Schimmang für seinen Roman » Das Beste, was wir hatten « den Rheingau Literatur Preis 2010. In der Begründung der Jury heißt es: »Die Jury würdigt die minutiöse Bildbeschreibung, mit der die alte Bundesrepublik wiederbelebt wird – durch dichte Milieuschilderung über mehrere Jahrzehnte hinweg und die Erzählung über Figuren, die allmählich den Boden unter den Füßen verlieren. Jochen Schimmang hält den zahlreichen Büchern, die der DDR ihre Erinnerung und ihre Kritik nachtragen, einen Roman entgegen, der den Untergang auch der Bonner Republik zur erzählerischen Gewissheit macht. Eingeschlossen ist die Trauer über die Vergänglichkeit der Aufbrüche, das Verschwinden von Hoffnungen und das Verblassen von Träumen in ungemein blickgewisser Genauigkeit.« (Quelle: Verlagsseite)

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