Die wandernde Erde: Erzählungen von Cixin Liu. Heyne Verlag. 2019. 688 Seiten. ISBN: 978-3453319240


Der Band „Die wandernde Erde“ enthält elf Erzählungen des chinesischen SF-Autors, der mit dem Roman „Die drei Sonnen“ auch in Deutschland erfolgreich geworden ist. In den Romanen baut Cixin Liu eigene Welten und weiß in komplexen Umgebungen brillante Geschichten zu erzählen. Doch auch der kürzere Text liegt ihm und er kann in den Kurzgeschichten und Novellen überzeugen. Die Texte wurden von drei Übersetzern aus dem Chinesischen übertragen.

Schon die erste – titelgebende – Story kann mit der Idee und der Umsetzung den Leser fesseln. Die Sonne droht die Erde zu verschlingen und die Menschheit sieht nur eine Möglichkeit: Der Heimatplanet muss das Sonnensystem verlassen. Gewaltige Antriebe werden konstruiert und bewegen die Erde erst langsam, dann immer schneller von der Sonne weg. Die Menschheit zeiht unter die Erdkruste, denn die Oberfläche wird dadurch verwüstet. Liu beschreibt auf knapp 60 Druckzeiten einen menschlichen Kraftakt. Doch sein Hauptaugenmerk liegt nicht auf der Technik, sondern auf den Menschen, die sich verändern, um mit den neuen Lebensumständen zurecht zu kommen. Der Text war in seiner Verfilmung ein Blockbuster im China und kann bei uns bei Netflix gesehen werden.

„Gipfelstürmer“ erzählt die Geschichte von Feng Huabei (Namen merken! Kommt in einer anderen Story auch noch vor), der eine Begegnung mit einer außerirdischen Zivilisation hat. Diese Wesen sind in allen Dingen so ganz anders als wir Menschen und sind vorbeigekommen, um zu plaudern. Die Konversation der Außerirdischen mit dem Menschen ist sehr philosophisch.

„Das Ende der Kreidezeit“ schildert eine Welt (noch) ohne Menschen. Dinosaurier und Ameisen sind ergänzen sich scheinbar voll, um mit ihren Zivilisationen die Erde zu beherrschen. Doch so ganz anders als Menschen sind sie nicht. Eine anfangs vielleicht schräge Idee entwickelt sich zu einer spannenden Parabel.

„Die Sonne Chinas“ schildert das Leben eines ehemaligen Dorfbewohners, der in die Stadt zieht, um sein Glück zu machen. Doch dieses findet er im Weltall. Nicht: Vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern: Vom Fensterputzer zum Helden.

In „Um Götter muss man sich kümmern“ wird die Menschheit von ihren Schöpfern besucht. Diese sind uralt und werden langsam gebrechlich. Sie suchen für das Ende ihres Seins eine Bleibe, doch die Menschen kommen nicht mit ihnen zurecht. Beim Abflug warnen sie vor anderen menschlichen Zivilisationen, die sie ebenfalls geschaffen haben. Doch diese sollen nicht so friedlich sein. Eine schöne Geschichte über das Zusammenleben und die Toleranz.

„Fluch 5.0“ ist ein Computervirus, der die ganze Welt bedroht. In dieser kürzeren Story kommt sogar der Autor selbst vor.

„Das Mikrozeitalter“ ist das Zeitalter nach dem Makrozeitalter, in der die letzte Weltraumarche die Erde wieder erreicht. Ein einziger Überlebender, der letzte Makromensch, trifft auf die neue Mikrozivilisation. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lernt er diese zu schätzen und fasst einen Entschluß.

In „Weltenzerstörer“ treffen zwei Botschafter außerirdischer Intelligenzen auf der Erde ein. Die Eine ist ein Flüchtling und letzte Überlebende einer Zivilisation, die von der anderen Rasse ausgelöscht worden ist. Dieses Schicksal droht auch der Erde. Doch man hat ja noch hundert Jahre Zeit bis dahin. Eine schöne Story über Macht, Schicksal und Tatkraft.

„Die Versorgung der Menschheit“ ist die Fortführung von „Um Götter muss man sich kümmern“. Denn die Ankunft der nicht so freundlich gesonnenen Vettern aus dem All steht bevor. Die Superreichen der Welt versuchen die Menschheit zu retten. Doch kann der Plan funktionieren?

„Durch die Erde zum Mond“ ist mit „Gipfelstürmer“ verbunden. Ein gewaltiges Projekt droht zur Katastrophe zu werden.

„Mit ihren Augen“ ist eine sehr emotionale Geschichte. Ein Raumfahrer auf Urlaub besucht die Erde. Er hat sich verpflichtet, zwei „Augen“ einer anderen Person mitzunehmen und diesem damit die Möglichkeit zu geben, am Urlaub teilzuhaben. Das Schicksal dieser Person ist tragisch…

Cixin Liu ist in seinen kürzeren Texten ein Meister der Idee. Mögen diese dem Leser anfangs schräg erscheinen, so gelingt es dem Autor immer wieder, einer Welt zu beschreiben, in der diese Ideen funktionieren. Der Autor schildert Intelligenzen und Welten, die so noch nicht gezeigt worden sind. Selbst bekanntere Szenarien kann er so verändert darstellen, dass sie nicht mehr in gängige Schemata passen.

Die Geschichten machen viel Spaß und regen nicht selten zum Nachdenken an. Wer also moderne „andere“ SF lesen möchte, ist mit diesem Band sehr gut bedient.

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